Gebete und Gedanken

Santa Sabina auf dem Aventin, Pfarreiwallfahrt 2012 nach Rom

 

Selbst auf dem Marktplatz oder auf einem einsamen Spaziergang ist es möglich, oft und eifrig zu beten. Auch dann wenn ihr in eurem Geschäft sitzt, oder gerade kauft oder verkauft, ja selbst wenn ihr kocht.

Hl. Johannes Chrysostomos (~349 - 407)  

Wo soll ich anfangen? Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir.

Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest; dass Du dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Du fragst, an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz hart wird. Frage nicht weiter, was damit gemeint sei; wenn Du jetzt nicht erschrickst, ist Dein Herz schon so weit.  Das harte Herz ist allein; es ist sich selbst nicht zuwider, weil es sich selbst nicht spürt. Was fragst Du mich? Keiner mit hartem Herzen hat jemals das Heil erlangt, es sei denn, Gott habe sich seiner erbarmt und ihm, wie der Prophet sagt, sein Herz aus Stein weggenommen und ihm ein Herz aus Fleisch gegeben (Es 36, 26).

Wenn Du Dein ganzes Leben und Erleben völlig ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für die Besinnung vorsiehst, soll ich Dich da loben? Darin lob ich Dich nicht. Ich glaube, niemand wird Dich loben, der das Wort Salomons kennt: 'Wer seine Tätigkeit einschränkt, erlangt Weisheit' (Sir 38, 25).
Und bestimmt ist es der Tätigkeit selbst nicht förderlich, wenn ihr nicht die Besinnung vorausgeht.
Wenn Du ganz und gar für alle da sein willst, nach dem Beispiel dessen, der allen alles geworden ist (1 Kor 9, 22), lob ich Deine Menschlichkeit - aber nur, wenn sie voll und echt ist.

Wie kannst Du aber voll und echt Mensch sein, wenn Du Dich selbst verloren hast? Auch Du bist ein Mensch. Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkommen sein kann, musst Du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben.

Denn was würde es Dir sonst nützen, wenn Du - nach dem Wort des Herrn (Mt 16, 26) - alle gewinnen, aber als einzigen Dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig Du selbst nichts von Dir haben?

Wie lange bist Du noch ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt (Ps 78, 39)? Wie lange noch schenkst Du allen anderen Deine Aufmerksamkeit, nur nicht Dir selber? Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein?

Denk also daran: Gönne Dich Dir selbst. Ich sage nicht: tu das immer, ich sage nicht: tu das oft, aber ich sage: tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für Dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.

Aus einem Brief von Bernhard von Clairvaux (1090-1153)
an seinen ehemaligen Schüler Papst Eugen III.

  

O Herr, bitter ist das Brot des Alters und hart. Wie erschien ich mir früher reich - wie arm bin ich nun, einsam und hilflos. Wozu tauge ich noch auf Erden? Schmerzen plagen mich Tag und Nacht, träge rinnen die Stunden meiner schlaflosen Nächte dahin; ich bin nur noch ein Schatten dessen, der ich einmal war. Ich falle den andern zur Last. Herr, lass genug sein. Wann wird die Nacht enden und der lichte Tag aufgehn?
Hilf mir, geduldig zu sein. Zeig mir dein Antlitz, je mehr mir alles andere entschwindet. Lass mich den Atem der Ewigkeit verspüren, nun, da meine Zeit aufhört. Auf dich, Herr, habe ich gehofft; lass mich nicht zugrunde gehen in Ewigkeit.

 Michelangelo (1475 - 1564)  

Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen.
Schenke mir Gesundheit des Leibes, mit dem nötigen Sinn dafür, ihn möglichst gut zu erhalten.
Schenke mir eine heilige Seele, Herr, die das im Auge behält, was gut ist und rein, damit sie im Anblick der Sünde nicht erschrecke, sondern das Mittel finde, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen, und lass nicht zu, dass ich mir allzu viel Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich 'Ich' nennt.
Herr, schenke mir Sinn für Humor, gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.

Thomas Morus (1478-1535)

Wenn wir sagen, dass wir Gott nicht finden können und dass es uns vorkommt, als sei er weit von uns entfernt, so wollen wir damit richtiger sagen, dass wir das Gefühl seiner Nähe nicht haben. Es ist mir aufgefallen, dass viele keinen Unterschied machen zwischen Gott und dem Gefühl von Gott, zwischen dem Glauben und dem Gefühl des Glaubens, und das ist ein grosser Fehler.

Franz von Sales (1567 - 1622)    

O Herr, du weisst, wieviel es an diesem Tag für mich zu tun gibt. Wenn ich dich vergessen sollte, so vergiss du mich doch nicht!

Sir Jacob Astley (1579 - 1652) vor der Schlacht von Edgehill    

Hätten die Nüchternen Einmal gekostet,
Alles verliessen sie
Und setzten sich zu uns
An den Tisch der Sehnsucht,
Der nie leer wird.
Sie erkennen die Liebe
Unendlicher Fülle
Und preisen die Nahrung
Von Leib und Blut.

Novalis (1772 -1801)    

Es muss Wärme von uns ausgehen, den Menschen muss es in unserer Nähe wohl sein, und sie müssen fühlen, dass der Grund dazu in unserer Verbindung mit Gott liegt.

Sel. Rupert Mayer SJ (1876 - 1945)    

Es gibt Abende, wo du hinten in einer Kirche stehst und nicht beten kannst, oder wo du draussen unter Sternen liegst, um doch noch über dir etwas Grosses zu spüren - und deine Lippen können nichts als diesen kleinen Satz flüstern, an den du dich klammerst wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring: Mein Gott, ich liebe dich trotzdem.

Guy de Larigaudie (1908 -1940)    

Manchmal
Manchmal spricht ein Baum durch das Fenster mir Mut zu
Manchmal leuchtet ein Buch als Stern auf meinem Himmel
Manchmal ein Mensch den ich nicht kenne der meine Worte erkennt

Rose Ausländer (1901 - 1988)    

Bitte
Wir werden eingetaucht und mit den Wassern der Sintflut gewaschen, wir werden durchnässt bis auf die Herzhaut.
Der Wunsch nach der Landschaft diesseits der Tränengrenze taugt nicht, der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten, der Wunsch, verschont zu bleiben, taugt nicht.
Es taugt die Bitte, dass bei Sonnenaufgang die Taube den Ölzweig vom Ölbaum bringe. Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei, dass noch die Blätter der Rose am Boden eine leuchtende Krone bilden.
Und dass wir aus der Flut, dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen immer versehrter und immer heiler stets von neuem zu uns selbst entlassen werden.

Hilde Domin (1909 - 2006)    

Ich bin vergnügt erlöst befreit
Gott nahm in seine Hände
Meine Zeit
Mein Fühlen
Denken
Hören
Sagen
Mein Triumphieren
Und Verzagen.
Das Elend
Und die Zärtlichkeit.

Hanns Dieter Hüsch (1925 - 2005)    

prolog
im anfang war das wort
und nicht das böse schweigen.


es gibt viele böse worte in der welt,
doch noch mehr böses schweigen.


durch das wort ist alles gute geworden.
was sagbar ist kann nicht ganz böse sein.
wenn wir erst lernen
für alles worte zu finden,
wird vielleicht doch alles gut.


die tauben machte er hörend
und die sprachlosen redend.
so vertrieb er das schweigen
aus ohr und mund.

erlöse auch uns von dem bösen.

Klaus Haacker (geb. 1942)    

Über Nacht
Die Tränen geweint
Die Schmerzen gesagt
Die Wunden gesehen
Der Kopf leer und müde

Jetzt heisst es schlafen und warten
Auf nichts
Manchmal
Nur manchmal
warum nur
Kann Gott
das Blatt wenden
Über Nacht

Carola Moosbach (geb. 1957)